Konzeption Waldkindergarten Wiesmoor
Kindergarten ohne Türen und Wände
1. Waldkindergarten Wiesmoor – wieso? Weshalb? Warum?
2. Der Hopelser Wald als Zuhause des Waldkindergartens Wiesmoor
3. Der Waldkindergarten stellt sich vor
4. Pädagogische Schwerpunkte für die Erziehung im Waldkindergarten Wiesmoor
5. Ganzheitliche Lernmöglichkeiten im Waldkindergarten als Vorbereitung auf die Schule
6. Der Waldkindergarten – ganz praktisch: nützliche Tipps rund um Kleidung und Ausrüstung
7. Gesundheitsschutz und Prävention im Waldkindergarten
8. „Ohne Eltern geht es nicht!“
9. Reflexion, Ausblick, Visionen …
1. Waldkindergarten Wiesmoor – wieso? Weshalb? Warum?
Bereits seit den 50er Jahren gibt es in Dänemark Waldkindergärten, in denen Kinder an der frischen Luft im Wald, anstatt in geschlossenen Räumen, betreut und gefördert werden.
Von diesem Konzept angeregt wurden Anfang der 90er Jahre auch in Deutschland die ersten Waldkindergärten eröffnet, womit einerseits die Nachfrage nach freien Plätzen zwar ständig stieg, andererseits aber auch der Informationsbedarf noch immer sehr groß ist. Denn die erste Annäherung an diese noch relativ junge Erscheinung im Bereich der Kindertagesstätten ist oft mit Vorurteilen belastet. „Drei- bis sechsjährige Kinder, die unter Aufsicht bei Regen oder Minusgraden im Winter unter freiem Himmel durch den Wald laufen? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen!“
„Kann es doch!“, dachte sich Rose Kleine aus Wiesmoor und begann 1998 mit der Umsetzung der Idee, einen Waldkindergarten für ihren Sohn Helge ins Leben zu rufen. Wald war in der näheren Umgebung vorhanden und Interesse an diesem etwas anderen Kindergarten bestand nicht nur bei Eltern und Erzieherinnen, wie sich auf der ersten Informationsveranstaltung im Februar 1999 zeigte, sondern auch beim zuständigen Forstamt und der Gemeinde Wiesmoor. Schon im März 1999 erfolgte die Gründung des Trägervereins „Waldkindergarten Wiesmoor e. V.“ mit Rose Kleine als Vorsitzende. Schnell mussten nun unter anderem erforderliche Genehmigungsverfahren eingeleitet, mit der Gemeinde über Zuschüsse und ein Ausweichquartier für Sturmtage etc. verhandelt und mit dem Niedersächsischen Forstamt Neuenburg einen Nutzungsvertrag für das 34 ha große Waldstück abgeschlossen werden. Immer wieder musste Werbung gemacht werden, Anmeldungen für den Waldkindergarten wurden entgegen genommen, zwei Erzieherinnen wurden eingestellt und ein Bauwagen wurde mit Hilfe der Vereinsmitglieder „waldkindergartentauglich“ ausgebaut.
Am 1. September 1999 war es dann soweit, der damals zweite Waldkindergarten in Ostfriesland startete sein Abenteuer mit Helge und 14 weiteren Kindern und zwei Erzieherinnen bei herrlichstem Sonnenschein!
2. Der Hopelser Wald als Zuhause des Waldkindergartens Wiesmoor
Sein Zuhause hat der Waldkindergarten Wiesmoor im Hopelser Wald gefunden. Ansprechpartner in allen Belangen „unseres Waldes“ war bis Mai 2004 der Revierförster Gerold Müller, der die Waldkindergartenarbeit durch sein Fachwissen sehr unterstützt hat. Heute ist Förster Martin Susse unser Ansprechpartner.
Im Hopelser Wald findet man eine Mischbewaldung vor, die unzähligen Tieren ein Zuhause bietet. Hierzu gehören neben dem Reh und dem Wildschwein auch das Eichhörnchen und die rote Waldameise, die durch spezielle Anlagen und nicht zuletzt den Ameisenlehrpfad geschützt ist. Für die Waldkinder sind die „Krabbel- und Kriechtiere“ besonders interessant, da sie in Hülle und Fülle ihr Dasein am Waldboden fristen. Ob es nun der Regenwurm, die Nacktschnecke, der Laufkäfer oder diverse Spinnenarten sind, dem Interesse der Kinder wird hier ausreichend Nahrung geboten.

Einen genaueren Überblick über das Gebiet des Waldkindergartens im Hopelser Wald gibt die beigefügte „Schatzkarte“. Schon in den ersten Monaten seit Bestehen der Einrichtung haben sich bestimmte Stellen im Wald als markante und immer wiederkehrende Anlaufpunkte für die Kinder und Erzieherinnen herauskristallisiert, die inzwischen seit über zehn Jahren fester Bestand sind und in der Zeichnung besonders hervorgehoben sind. Ähnlich wie bei den Indianern mit einem Sommer- und Winterlager, gibt es auch im Waldkindergarten Wiesmoor mehrere verschiedene Waldplätze mit zum Teil unterschiedlicher Geländestruktur. Der Aufenthalt an verschiedenen und wechselnden Plätzen reduziert die Belastung des einzelnen, wobei hierzu zu sagen ist, dass die Forstbehörde sensiblere Waldbereiche ohnehin nicht als Ort für einen Waldkindergarten freigeben würde.
Als erstes wäre hier der grüne Bauwagen zu nennen, der einmal in der Woche Anlaufstelle der Waldkindergartenkinder ist. In dieser in Eigenarbeit und mit viel Liebe von den Eltern entstandenen Unterkunft können die Kinder auf kleinen Truhenbänken an Tischen sitzen. Regele bieten zusätzlichen Platz für Bastel- und Malutensilien o. ä.. Die Wände sind geschmückt mit zahlreichen Arbeiten und Werken der Kinder und das weit aufklappbare Fenster des Bauwagens eignet sich beispielsweise hervorragend als Bühne für so manche Theatervorstellung. Mit ihren Isomatten auf dem Waldboden sitzend verfolgen dann die Waldkindergartenkinder gebannt und interessiert das bunte Treiben dort im Fenster, auch wenn es eigentlich nur zwei verschieden große Stöcke sind, die dort bewegt werden und „miteinander sprechen“.
In unmittelbarer Nähe des Hauptweges steht die Blockhütte, die zweite feste und beheizbare Unterkunft des Waldkindergartens. Hier befinden sich auch zwei Holzbänke und ein großer Sandberg. Der Raum vor dem Blockhaus ist ähnlich einer Terrasse mit Steinplatten und Rindenmulch ausgelegt. Im Inneren der Blockhütte findet sich eine Tisch- und Sitzgruppe, bestehend aus kleinen Bierzeltgarnituren, die bei Bedarf auch draußen genutzt werden können und allen Kindern Platz bieten. Zahlreiche Regale und Kisten an den Wänden bieten Platz für Mal- und Bastelutensilien, Werkzeuge, Sandspielzeug, Eimer, Lupen und anderes Forschermaterial, Decken, Tücher und Seile zum Bauen, Verkleiden usw. Ferner befindet sich hier die Wechsel-Kleidung für die Kinder. Falls mal etwas nass geworden ist können die Kinder sich hier umziehen. Ebenso befinden sich in der Blockhütte zahlreiche Bücher. Freitag ist Büchereitag und am Ende des Vormittags dürfen sich die Kinder hier ein neues Buch ausleihen.
Des Weiteren nutzt der Waldkindergarten den Pavillon auf dem ehemaligen Standort der Köhlerhütte und dessen Sitzgelegenheiten für alle Kinder und ist somit auch bei Regen ein idealer Frühstücksplatz für die Gruppe. Zudem befindet sich hier eine Feuerstelle und in unmittelbarer Nähe liegen herrliche umgestürzte Baumkronen und Baumstämme, die zum Balancieren, Spielen und Verstecken einladen und diese Stelle zu einem echten Lieblingsplatz für alle Beteiligten machen!
Im Winter dient der ehemalige Berghüttenplatz und der Hügel als prima Rodelberg.
Der Sandberg befindet sich in einer von Nadelbäumen geschützten Kuhle etwas abseits des Hauptweges, in der auch zahlreiche Sitzbänke in Kreisform angeordnet sind. Dieser Platz regt die Kinder immer wieder von neuem zu einem phantasievollen und kreativen Spiel an. Hier können sie Berge besteigen, sich abseilen, auf Schatzsuche nach Edelsteinen gehen, ein Wildschwein über der Feuerstelle nahe an dem großen Indianerlager braten, die Puppenbühne für eine Theatervorstellung nutzen usw.
Überall verstreut auf unserem Gelände gibt es zahlreiche Erdwälle und auch kleinere Seen und Wassergräben, die sich in besonderem Maße für Abenteuertouren und Erkundigungen anbieten. Denn diese Gräben müssen beispielsweise von Zeit zu Zeit von Laub befreit werden, die Tierwelt am See will beobachtet werden und natürlich wurde auch schon das eine oder andere freiwillige und auch unfreiwillige Bad genommen.
Doch die Kinder des Waldkindergarten Wiesmoor nutzen nicht nur diese beschriebenen und gekennzeichneten Plätze, sondern ziehen auch ständig die Umgebung der Haupt- und Nebenwege und andere Stellen im Wald in ihr Spiel mit ein. Erwähnen wollen wir zum Schluss noch die Ameisenkreuzung und die vielen Ameisenhaufen, die auf unseren Wanderungen und Abenteuertouren quer durch das Gelände zu wichtigen Orientierungspunkten für die Erzieherinnen und Kinder geworden sind. Doch wollen wir schließlich nicht alle unsere liebsten und schönsten Plätze zum Frühstücken und Spielen hier Preis geben und so vielleicht auch das Interesse bei jedem wecken, sich mit uns gemeinsam auf Wanderschaft durch den Hopelser Wald zu begeben!
3. Der Waldkindergarten stellt sich vor
3.1. Rahmenbedingungen und Fakten zur Institution
3.1.1 Trägerschaft:
Der Träger des Kindergartens ist eine Elterninitiative in der Rechtsform des eingetragenen Vereines “Waldkindergarten Wiesmoor e. V.“.
3.2 Aufnahmekriterien, Gruppengröße und –zusammensetzung:
Der Waldkindergarten Wiesmoor verfügt zurzeit über 15 Plätze in einer geschlechts- und alters-gemischten Gruppe. Die Mädchen und Jungen werden vom vollendeten dritten Lebensjahr an aufgenommen und können bis zur Einschulung im Waldkindergarten verbleiben. Es existiert eine Warteliste, in der alle Kinder aufgenommen werden und entsprechend nachrücken. Der Einzugsbereich für den Kindergarten liegt jedoch ausschließlich in der Stadt Wiesmoor einschließlich der dazu gehörigen Stadtteile, sofern hier genügend Anmeldungen vorliegen. Im Frühjahr erfolgt die Vergabe der freien Plätze für das neue Kindergartenjahr durch den Vorstand anhand eines Kriterienkataloges, der unter anderem folgendes beinhaltet: Anmeldedatum, Alter des Kindes, soziale Gesichtspunkte, aktive Mitgliedschaft im Verein.
3.3. Abmeldungsmodalitäten:
Eine Kündigung des Kindergartenplatzes kann nur schriftlich vorgenommen werden und muss spätestens sechs Wochen zum Ende des Quartals vorliegen. Bei Kündigung nach dem 31.03. des Jahres kann diese nur zum Ende des Kindergartenjahres erfolgen. Auch Kinder, die nach den Sommerferien die Schule besuchen sind bis zum 01.04. des jeweiligen Jahres abzumelden und verbleiben bis zu den Sommerferien in der Gruppe.
3.4 Öffnungszeiten, Ferien- und sonstige Schließzeiten:
Die Betreuung im Waldkindergarten Wiesmoor findet von Montag bis Freitag in der Zeit von 8.00 Uhr bis 13.00 Uhr statt. Es wird gewünscht, die Kinder möglichst pünktlich zu Beginn und Ende der Öffnungszeiten zu bringen bzw. abzuholen!
Der Waldkindergarten ist mit Ausnahme der Kindergartenferien und den gesetzlichen Feiertagen ganzjährig geöffnet. Die Sommerferien des Waldkindergartens werden in der Regel auf die letzten drei Wochen der Schulferien gelegt, von Jahr zu Jahr können sich hier auch Änderungen ergeben. Weiterhin gibt es freie Tage von Weihnachten bis ca. 4./5. Januar und noch weitere bewegliche Urlaubstage, die durch Kombination mit Feiertagen verlängerte Wochenenden ergeben. Die genauen Ferientermine werden den Erziehungsberechtigten am Anfang des Kindergartenjahres durch den Vorstand bekannt gegeben.
Der Waldkindergarten bleibt im Falle der gleichzeitigen Erkrankung beider pädagogischen Mitarbeiterinnen vorübergehend geschlossen, sofern nicht eine entsprechende gleichwertige Vertretung vom Vorstand eingesetzt werden kann. Die Eltern würden auch hierüber umgehend informiert werden und eine erforderliche Unterbringung in den anderen Kindergärten Wiesmoors organisiert.
3.5 Regelungen im Krankheitsfall:
Ein regelmäßiger Besuch des Waldkindergartens wird im Interesse der Kinder in der Gruppe vorausgesetzt. Nicht nur im Krankheitsfall, sondern auch bei anderen Anlässen, wie beispielsweise Urlaub, in denen das Kind dem Kindergarten für einen Tag oder über längere Zeit fernbleibt, sind die Erzieherinnen umgehend schriftlich oder telefonisch zu informieren.
Sollte bei einem Kind oder in dessen Familie eine ansteckende Krankheit auftreten, sind die Erziehungsberechtigten verpflichtet, den Erzieherinnen sofort Mitteilung zu machen. Der Besuch des Kindergartens ist in diesen Fällen aus Rücksicht auf die anderen Kinder ausgeschlossen. Es ist selbstverständlich, dass ein Kind nach Auftreten einer ansteckenden Krankheit erst wieder am Betrieb des Kindergartens teilnimmt, wenn die Krankheit vollständig ausgeheilt ist und in besonderen Fällen auch ein Attest vorgelegt wird.
Um Probleme bei Allergien oder Unverträglichkeiten bei den Kindern zu vermeiden, werden die Eltern bei Eintritt des Kindes in den Kindergarten gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Ergeben sich spätere gesundheitliche oder andersgeartete Probleme, sollten die Eltern die Erzieherinnen davon unverzüglich in Kenntnis setzen.
3.6 Kindergartenbeiträge:
Der Waldkindergarten Wiesmoor e. V. erhebt von den Eltern/Erziehungsberechtigten der Kinder einen Elternbeitrag entsprechend der Entgeltregelung der Stadt Wiesmoor für die stadteigenen Kindergärten. Grundlage ist der Beitrag für einen Vormittagsplatz. Der Beitrag ist gestaffelt und abhängig vom Familieneinkommen. Der Elternbeitrag wird per Einzugsermächtigung erhoben und ist auch für die Kindergartenferien zu entrichten. Weder berechtigen vorübergehende Schließung des Kindergartens, noch das kurzfristige Fernbleiben des Kindes das Ausscheiden ohne wirksame Abmeldung oder ein vorübergehender Ausschluss des Kindes zur Ermäßigung oder zum Erlass des Elternbeitrages. Für Schulanfänger ist der Kindergartenbeitrag bis zum Ende des Kindergartenjahres zu bezahlen. Das dritte Kindergartenjahr ist beitragsfrei.
3.7 Personalschlüssel und Aufgaben der Erzieherinnen:
Derzeit besteht der Waldkindergarten Wiesmoor nach der Vorgabe durch das Landesjugendamt aus einer Gruppe von 15 Kindern und zwei staatlich anerkannten Erzieherinnen, die jeden Vormittag gemeinsam fünf Stunden im Wald unterwegs sind. Verglichen mit anderen Regelkindergärten ist dies sicherlich ein sehr vorteilhafter Personalschlüssel, die Erfahrungen zeigen jedoch, dass diese Besetzung im Wald auch unbedingt erforderlich ist!
Um den Betrieb bei Krankheit, Urlaub oder Fortbildung einer der beiden Erzieherinnen aufrecht erhalten zu können, steht uns eine engagierte Vertretungskraft zur Verfügung. So muss nur noch in seltenen Fällen auf die Mithilfe eines Elternteils im Vertretungsfall zurückgegriffen werden. Zur zusätzlichen Ergänzung des Mitarbeiterteams sollen auch Praktikanten die Möglichkeit gegeben werden, sich hier vor Ort ein Bild über die wertvolle pädagogische Idee des Waldkindergartens machen zu können.
Bei der Auswahl der Erzieherinnen für den Waldkindergarten legt der Vorstand großen Wert darauf, dass sie das Konzept des Vereins voll unterstützen bzw. pädagogisch umsetzen. Besondere Beachtung gilt hierbei dem umweltpädagogischen Engagement der Mitarbeiterinnen. Sie sollen die Bereitschaft mitbringen, sich umfangreiche Kenntnisse des Waldes und seiner Ökologie anzueignen, an Fortbildungen teilzunehmen oder ihr Wissen durch das Lesen von Fachbüchern und Zeitschriften zu erweitern.
Neben der täglichen Betreuungszeit stehen den zwei Erzieherinnen insgesamt zwölf Stunden für die Vor- und Nachbereitung zur Verfügung. Seit November 2001 arbeiten die Erzieherinnen im Waldkindergarten Wiesmoor mit gleicher Verfügungszeit, d. h. mit derselben Stundenzahl, um die Teamfähigkeit und –bildung zu fördern und die Kooperation und Aufgabenverteilung in diesem Eingruppenkindergarten zu unterstützen.
Jede Woche treffen sich die Erzieherinnen zu einer gemeinsamen Dienstbesprechung, die in erster Linie der Planung weiterer Angebote und Projekte, verschiedener organisatorischer Dinge oder auch Elternarbeit gilt. Hier wird das Tagesgeschehen reflektiert, aus dem sich auch die schriftlichen Tages- und Monatsberichte ableiten.
Zudem gibt es mehrmals im Jahr Elternveranstaltungen und auch der Kontakt zwischen Erzieherinnen und Vorstand wird durch regelmäßige gemeinsame Besprechungen lebendig gehalten.
3.2. „Was machen die denn den ganzen Vormittag?“ – Der Tagesablauf:
Begrüßung:
Jeden Morgen werden die Kinder von ihren Eltern zum Parkplatz gegenüber der Gaststätte „Bohnens“ in den Hopelser Wald gebracht, wo die zwei Erzieherinnen schon auf sie warten. Nachdem sie ihre Rucksäcke an einem Baum abgestellt haben suchen sich die Kinder Spielkameraden, klettern auf Bäumen oder stehen zusammen. Für die Eltern und Erzieherinnen ergibt sich an diesem Treffpunkt noch die Möglichkeit zu einem kurzen Gespräch.
Wenn alle Kinder eingetroffen sind rufen die Erzieherinnen die Kinder zum Begrüßungskreis zusammen. Alle wünschen sich einen „guten Morgen“. Ein „Bestimmerkind“ wird ausgelost. Dieses Kind zählt alle im Kreis Anwesenden, so wird festgestellt, ob jemand fehlt und welche Gäste möglicherweise da sind. Nachdem die Kinder per Mehrheitsbeschluss über den Frühstücksplatz und den Weg dorthin abgestimmt haben, helfen sie sich gegenseitig beim Aufziehen der Rucksäcke und marschieren los!
So beginnt nun jeden Morgen aufs Neue das große Abenteuer: Gräben mit und ohne Wasser müssen überwunden werden, Mistkäfer werden aufgespürt, verschiedene Tierspuren werden entdeckt, ein dicker Ast wird mitgeschleppt, die ersten Frühblüher wie das Buschwindröschen werden gesichtet oder die Kinder balancieren über einen Baumstamm. So dauert jeder noch so kurze Weg verständlicherweise plötzlich sehr lange!
Auf den Wegen zu den verschiedenen Aufenthaltsplätzen befinden sich speziell an den Kreuzungen und in gewissen Abständen dünne „Haltebänder“. Hier wissen die Kinder, dass sie so lange aufeinander warten müssen, bis die ganze Gruppe wieder zusammen ist. An verschiedenen Stellen im Wald sind zusätzliche Haltepunkte mit den Kindern vereinbart. So ist es mittlerweile zu einer festen Einrichtung geworden, dass an einer bestimmten Wegkreuzung in der Nähe der „Hütte am Berg“ eine kurze Geschichte vorgelesen wird. Zudem sammelt jeden Vormittag ein Kind mit der Müllzange „Papa Schlumpf“ den Abfall auf, den weniger umweltbewusste Mitmenschen hier hinterlassen haben.
Morgenkreis:
Am Aufenthaltsplatz angekommen legen die Kinder aus ihren Rucksäcken einen Kreis. Gemeinsam stimmen alle das aktuelle Morgenlied an. Das Bestimmerkind beschreibt anhand der Wetterkarte das aktuelle Wetter. Zusammen überlegt die Gruppe, welche Jahreszeit und Wochentag wir haben und in welchem Monat wir uns befinden. Im Anschluss darf das Bestimmerkind sich ein Kreisspiel aussuchen.
Großgruppe:
Nach dem Morgenkreis gibt es eine Arbeitsgruppe, an der alle Kinder teilnehmen. Ein Projektthema wird ausgewählt, dieses bestimmt für einen längeren Zeitraum das Spielen und Geschehen im Kindergarten. So fand beispielsweise das Projekt „Ameisen“ seinen Höhepunkt mit der großen Blütenfest-Ameise und dem neuen Namen für unsere Kindergartengruppe. Aber es können auch durchaus andere als diese „vom Wald vorgegebenen“ Themen sein, die die Kinder in ihren Bann ziehen. Mit Hilfe von Liedern, Büchern, Spielen, Geschichten, Bastelideen und anderen Aktionen rund um das jeweilige Projektthema haben die Kinder schon viel über das Leben der Indianer, der Ritter oder auch das Kinderkriegen und Geschwister erfahren und gelernt. Und zum Glück hatten wir bei unserem Besuch bei der Feuerwehr alle unsere Buddelsachen an, so dass uns das Wasser aus dem Schlauch nichts anhaben konnte.
Frühstück:
Bevor die Gruppe nun mit dem wohlverdienten Frühstück beginnen kann, stellen sich die Kinder der Reihe nach zum Händewaschen auf. Ein Kind wird als Handtuschhalter eingesetzt. Ein anderes Kind hält die Nagelbürste bereit. Die Erzieherinnen oder eines der größeren Kinder übernimmt das Schütten des mitgebrachten Seifenwassers aus der Plastikflasche auf die schmutzigen Hände. Erst dann geht es an das Auspacken der Rucksäcke: Isomatte, Brotdose und Trinkflasche oder Thermoskanne. Nach einem gemeinsamen Frühstücksspruch heißt es dann „Guten Appetit!“.
Kleingruppe:
Nach dem Frühstück, das je nach Wetterlage zwischen 20 und 30 Minuten dauert, gehen die Kinder und Erzieherinnen in die Kleingruppenarbeit. Hier werden die verschiedenen Projektthemen nochmals näher bearbeitet bzw. weitere kleine Projekte erarbeitet.
Freispiel:
Das sogenannte Freispiel nimmt den wichtigsten Raum ein. Die Kinder denken sich hier verschiedenste Rollenspiele (z. B. Mutter/Vater/Kind oder Einkaufssituationen) aus oder sie kochen und backen mit Naturmaterialien, formen mit Sand oder Lehm, malen im Sand oder klettern auf Bäumen und in umgestürzte Baumkronen. Das Beste ist, dass das „Spielmaterial“ überall bereit liegt! Dabei ist es besonders spannend, wenn ein und derselbe Stock beispielsweise Feuerwehrschlauch, Motorsäge oder auch Angel sein kann. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Da das Spiel der Kinder im Waldkindergarten nicht durch vorgefertigtes Spielzeug vorbestimmt ist, müssen sie hier viel miteinander reden, planen und erklären.
Heimweg:
Spätestens jetzt müssen sich alle auf den Heimweg machen, denn wieder gilt hier, wie am Morgen, dass die Kinder zahlreiche „Ablenkungen“ auf und neben den Wegen entdecken, die den eigentlich zehnminütigen Rückweg zum Parkplatz zu einem halbstündigen Abenteuer werden lassen können. Ähnlich den bisher erwähnten festen Strukturen und täglich wiederkehrenden Elementen Morgenkreis, Frühstück und Freispiel findet sich die Gruppe jeden Mittag zu einem Abschlusskreis zusammen. Hier wird ein gemeinsames Lied gesungen. Auf diese Weise verabschieden sich die Erzieherinnen und die Kinder voneinander.
Ankunft:
Zumeist zufrieden und fröhlich, manche vielleicht ein wenig müde, bepackt mit den verschiedensten „Schätzen“, die die Kinder in ihrem Sammelbeutel zusammengetragen haben und natürlich mal mehr oder weniger dreckig nehmen die Eltern ihre Kinder am Schaukasten wieder in Empfang. Damit endet der fünfstündige Kindergartentag.
Manchmal gibt es neben diesen beschriebenen „normalen“ auch ganz besondere Tage in unserem Waldkindergarten, wie z. B. die Kinderbesuchstage. Die im Sommer neu dazu gekommenen Kinder laden alle Kinder und Erzieherinnen des Waldkindergartens zu sich nach Hause ein. Dort findet dann der Kindergartentag wie gewohnt von 8.00 – 13.00 Uhr statt. Auf diese Weise lernen alle Kinder das private Umfeld jedes Kindes des Waldkindergartens kennen.
Jedes Jahr im November fahren die Erzieherinnen mit den Kindern zum Puppentheater nach Augustfehn. Einige Mütter übernehmen dann den Fahrdienst.
Ebenfalls fester Bestandteil eines Kindergartenjahres ist das gemeinsame Zelten, meist im Juni von Freitag auf Samstag. Ein Elternteil übernachtet dann mit dem Kind im mitgebrachten Zelt.
Den Freitag vor Martini (10.11.) laufen die Kinder gemeinsam mit Eltern, teils auch Geschwistern und Großeltern, laut singend mit den selbst gebastelten Laternen durch den finsteren Wald bis zur Köhlerhütte, wo dann gemeinsam ein Picknick veranstaltet und Stockbrot am Feuer gebacken wird. Jedes Elternteil bringt eine Kleinigkeit mit.
In der Adventszeit erhält jedes Kind ein kleines Glöckchen, welches an die Mütze genäht wird. Jeden Tag wird ein Adventskind auserkoren, welches dann das Bestimmerkind ist. Für das Adventskind lassen sich die Erzieherinnen immer etwas Schönes einfallen. Selbstverständlich ist jedes Waldkind einmal Adventskind.
Am letzten Kindergartentag vor Weihnachten wird ein Weihnachtsbaum geschmückt. Gemeinsam mit Eltern und ggf. Geschwistern wird dann eine kleine Weihnachtsfeier ausgerichtet. Jeder bringt selbstgebackene Plätzchen und warme Getränke mit. Die Kinder singen Lieder oder
tragen ein Theaterstück vor.
Diese kleinen Aktionen sind schon ein wenig zur Tradition in unserem Kindergarten geworden. Solche Tage gleichen dann Festtagen, weil sie eben für die Kinder nicht alltäglich sind.
Auch bei den Geburtstagen der Kinder achten die Erzieherinnen darauf, die Kinder nicht mit zu vielen Aktionen zu überfrachten, sondern auch solche besonderen Tage eher etwas einfacher und bescheidener zu gestalten, um sie so vielleicht auch intensiver zu begehen und zu erleben. Das Geburtstagskind ist natürlich an dem Tag das Bestimmerkind. Gemeinsam wird zum Ende des Kindergartentages dann ein selbstgebackener Kuchen verzehrt, der von einem Elternteil eines anderen Kindes gebacken wurde.
4. Pädagogische Schwerpunkte für die Erziehung im Waldkindergarten Wiesmoor
Der Waldkindergarten Wiesmoor ist wie jede andere Tageseinrichtung für Kinder eine sozialpädagogische Einrichtung und hat neben der Betreuungsaufgabe einen eigenständigen Erziehungs- und Bildungsauftrag als Elementarbereich des Bildungssystems. Die gesetzlichen Grundlagen sind das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) und das Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder in Niedersachsen (KiTaG) sowie der Orientierungsplan.
„Der Kindergarten hat seinen Erziehungs- und Bildungsauftrag im ständigen Kontakt mit der Familie und anderen Erziehungsberechtigen durchzuführen und insbesondere
·die Lebenssituation jedes Kindes zu berücksichtigen,
·dem Kinder zur größtmöglichen Selbständigkeit und Eigeninitiative zu verhelfen, seine Lernfreude anzuregen und zu stärken,
·dem Kind zu ermöglichen, seine emotionalen Kräfte aufzubauen,
·die schöpferischen Kräfte des Kindes unter Berücksichtigung seiner individuellen Neigungen und Begabungen zu fördern,
·dem Kind Grundwissen über seinen Körper zu vermitteln und seine körperliche Entwicklung zu fördern,
·die Entfaltung der geistigen Fähigkeiten und Interessen des Kindes zu unterstützen und ihm dabei durch ein breites Angebot von Erfahrungsmöglichkeiten elementare Kenntnisse von der Umwelt zu vermitteln“ ($ 2 (2) GTK)
Der Waldkindergarten erfüllt also dieselbe Betreuungs- und Bildungsaufgabe wie jeder andere Regelkindergarten auch. Darüber hinaus bietet der Waldkindergarten aber auch die Möglichkeiten einer humanen ökologischen Entfaltung. Heute wächst auch bei uns Erwachsenen immer mehr das Bewusstsein, dass das Wechselspiel von Natur und Umwelt von besonderer Bedeutung für unser Leben und Lernen ist. Dies fließt immer stärker auch in pädagogische Konzepte ein und lässt sich durch die Arbeit im Waldkindergarten Wiesmoor in besonderer Weise realisieren: Die Kinder können ein positives Verhältnis zum Wald und zur Natur aufbauen und somit einen behutsamen Umgang mit jeder Art von Leben erlernen. Denn erst was sie leben und schützen gelernt haben werden sie auch schützen und in aller Schönheit bewahren!
Weitere elementare Pfeiler der pädagogischen Arbeit im Waldkindergarten Wiesmoor, auf die wir in diesem Kapitel näher eingehen, sind:
·das situationsbezogene Arbeiten
·das soziale Lernen in der Gruppe
·die zahlreichen Bewegungsmöglichkeiten im Wald
·die Förderung der Sinne
·das Erleben der Stille
·das Freispiel der Kinder
·die besondere Förderung des Umweltbewusstseins
Situationsbezogenes Arbeiten und die Rolle der Erzieherinnen
Grundlage der pädagogischen Arbeit im Waldkindergarten Wiesmoor sind die Erfahrungs- und Erlebniswelt der Kinder, ihre Interessen und Fragen, die sich aus den täglichen Begegnungen und Erlebnissen in Wiesmoor und dem Hopelser Wald ergeben. Die Erziehung wird nicht in erster Linie durch die Ideen und Handlungsweisen der Erzieherinnen angeregt und gelenkt, sondern geht von dem einzelnen Kind aus.
Das Waldstück im Hopelser Wald soll ein Spiel- und Lebensraum sein, in dem sich die Mädchen und Jungen wohlfühlen, verstecken, austoben, bewegen, zurückziehen, ausbreiten usw. können! Damit ein Kind hier wahrhaftig Kind sein kann ist die liebevolle, partnerschaftliche und von Vertrauen geprägte Umgebung sehr wichtig. In erster Linie verstehen sich die Erzieherinnen im Waldkindergarten als „Wegbegleiter, Helfer in Not, Ratgeber und Gepäckträger“ der Kinder. Immer wieder gilt es, sich selber zurückzunehmen, statt immer alles lenken und organisieren zu wollen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die Kinder zu beobachten und auf ihrem Weg zu begleiten, ihr Handeln und Tun zu verstehen, zu unterstützen und so jedes einzelne Kind in seiner Entwicklung zu fördern und gezielt auf die Bedürfnisse zu reagieren. Die Erzieherinnen motivieren die Kinder, aus eigener Kraft und eigenem Antrieb heraus etwas schaffen zu können und zu wollen.
Nicht ständige Kontrolle, sondern das Vertrauen und Zutrauen in die Fähigkeiten der Kinder sind eine notwendige Grundlage der pädagogischen Arbeit, wenn es beispielsweise darum geht, sich an Regeln und Absprachen zu halten (wie z. B. beim Halteband warten, bis auch das letzte Kind der Gruppe da ist).
Immer wieder gilt es, eine Balance zwischen den aktuellen Bedürfnissen, den emotionalen Prozessen und der Spontanität der Kinder sowie den Aufforderungscharakter des Materials und verschiedener angeleiteter Spiel- und Lernangebote herzustellen. Denn zur richtigen Zeit gilt es, dem einzelnen Kind einerseits Hilfen und Anregungen anzubieten, ihm andererseits aber auch den Freiraum zu lassen, entsprechend der individuellen Fähigkeiten seine Absichten und Möglichkeiten auszuleben und sich weiterzuentwickeln.
Soziales Lernen in der Gruppe
Wie in jeder anderen Einrichtung auch lernen die Kinder des Waldkindergartens im Umgang mit Gleichaltrigen soziale Verhaltensweisen kennen. Dabei gilt es, zu gleichen Teilen die Selbständigkeit und Individualität des einzelnen Kindes sowie die Stärkung der Gruppe zu fördern. Alle Beteiligten sollen sich als Mitglieder einer Gruppe erfahren, in der einerseits auf die individuellen Wünsche, andererseits aber auch auf das Wohl der gesamten Gruppe Rücksicht genommen wird. Dies wird deutlich durch die unterschiedlichen Mitsprachemöglichkeiten der Kinder. So darf sich beispielsweise im regelmäßigen Wechsel ein Kind im Morgenkreis ein Begrüßungslied oder -spiel wünschen, alle Anwesenden zählen und feststellen, welche Kinder an diesem Tag fehlen. Hier müssen auch Sonderrollen akzeptiert werden, wenn z. B. Das Geburtstagskind „Bestimmer“ für einen Tag ist, und alle anderen Kinder an diesem Tag versuchen, seinen Wünschen Folge zu leisten.
Wichtiges Ziel der pädagogischen Arbeit ist es, in der Gruppe ein partnerschaftliches, gewaltfreies und gleichberechtigtes Miteinander zu leben und zu erfahren, vielleicht getreu dem Motto „voneinander lernen, füreinander da sein und einander helfen“, Rücksicht auf andere zu nehmen und Verständnis zu üben, einander zuzuhören, eigene Interessen zu erkennen und anderen gegenüber zu vertreten oder auch gegebenenfalls zurück zu stellen sowie Geduld zu entwickeln sind wichtige Bereiche, die das soziale Lernen umfassen sollte und die von den Erzieherinnen selbstverständlich vorgelebt werden. Dies lernen die Kinder vor allem im gemeinsamen (Frei-)Spiel kennen. Sie planen und gestalten miteinander und lernen hierbei, sich gegenseitig Hilfe und Unterstützung zu geben, sich auseinander zu setzen, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen oder auch gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Die Kinder lernen selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Handeln, welches jedoch auch die Interessen und Bedürfnisse anderer Gruppenmitglieder berücksichtigt. Die vielfältigen Erfahren in der Gruppe führen zu gegenseitiger Achtung und Anerkennung und sind somit der Ursprung für Gemeinsinn und Solidarität.
Bei einem gemeinsamen Vorhaben können die jüngeren Kinder der Gruppe gestalterisch tätig werden und sich die Älteren zum Vorbild nehmen. Diese wiederum übernehmen die Verantwortung, wenn sie den Jüngeren beim Bauen helfen oder aber Ratschläge geben. Auf jeden Fall trägt so ein Erfolgserlebnis des gemeinschaftlichen Gestaltens oder Bauens mit dazu bei, das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen des einzelnen Kindes zu fördern sowie die Stärke der Gruppe zu spüren.
Der tägliche Aufenthalt im Wald fördert in besonderer Weise die Gemeinschaft von Jungen und Mädchen, weil sich mögliche Rollenklischees hier leichter auflösen. Die Mädchen erleben im Waldkindergarten eine große Selbstbestätigung und Ermutigung, wenn sie beispielsweise beim Überqueren eines Baches oder beim Klettern auf Bäume die gleichen zielgerichteten Erfahrungen wie die Jungen machen und nicht von ihnen an die Seite gedrängt werden.
Im Waldkindergarten sind zudem nur wenige Regeln und Gebote notwendig. Die meisten Regeln gelten dem Gesundheits- und Unfallschutz (z. B. sich nur bis Hörweite von der Gruppe entfernen, keine Waldfrüchte roh essen) und sind für die Kinder leicht verständlich und nachvollziehbar. Zudem sind die wenigen Regeln in einem gewissen Rahmen auch veränderbar oder die Erzieherinnen können die Kinder häufiger auch mal gewähren lassen, wobei die Kinder teilweise auch ein Mitspracherecht haben. Gleichzeitig lässt hier die geringere räumliche Einschränkung und Einengung auch Grenzen besser erleben und ausdrücken und innere Kräfte können nicht nur besser wahrgenommen, sondern auch erprobt werden und erscheinen den Kindern auch wirklich sinnvoll.
All diese beschriebenen sozialen Lernziele lassen sich erfahrungsgemäß in einer kleinen Gruppe von nur 15 Kindern leichter verwirklichen.
Schulung der Bewegung
Nichts ist für die Kinder in unserem Kindergarten so wichtig wie die Bewegung. Die meisten Entwicklungs- und Lernprozesse erfolgen bei den Kindern dieses Alters über die Motorik. Der Wald als Kindergarten stellt einen Lebensraum dar, in dem die Kinder ihren natürlichen Bewegungsdrang ungehindert ausleben können. Ganz im Gegenteil zu vielen anderen „Sitz-Institutionen“ finden die Kinder im Hopelser Wald unbegrenzte, natürlich gegebene Bewegungsmöglichkeiten vor und haben somit Platz zum „Kindsein“ im wahrsten Sinne des Wortes.
Durch das tägliche Laufen, Springen, Hüpfen, Klettern, Kriechen, Hangeln, Durchwaten und Balancieren in der freien Natur erwerben sie grobmotorische Fähigkeiten, auf deren Basis sich im weiteren Verlauf der Entwicklung die feinmotorischen Fähigkeiten ausbilden, wie sie z. B. zum Malen, Basteln oder Schreiben gebraucht werden. Zudem lässt das Bewegen und Spielen in freier Natur die Kinder selber ihre körperlichen Grenzen und Entwicklungsfortschritte erfahren.
Ein Kindergarten ohne Türen und Wände kann ferner dazu beitragen, dass sich Aggressionen und Stress durch die unbegrenzten Bewegungsmöglichkeiten leichter abbauen lassen.
Kinder wollen rennen, tollen, klettern und springen. Sie wollen spielen und sich bewegen und fordern damit ein, was sie sowohl für ihre gesunde körperliche und kognitive Entwicklung als auch für ihre psychische Orientierung brauchen. Im Bewegungsspiel und über ihre Bewegungsfreude werden zudem Lernfähigkeit, Leistungsbereitschaft und Anstrengungswillen gestärkt. Die Bewegungsförderung dient auch der Unfallvermeidung. Die Kinder sollen hier sensorische und motorische Fähigkeiten erwerben, mit denen sie sowohl Gefahren wahrnehmen können als auch die Möglichkeiten erlangen, auf diese motorisch adäquat zu reagieren. Der Wald bietet und fordert, abhängig von den örtlichen Begebenheiten und dem Wetter dies täglich von den Kindern, mal mehr, mal weniger.
Seit September 2008 trägt unser Kindergarten das „Markenzeichen Bewegungskindergarten“, nachdem das Personal fachlich geschult wurde. Unterstützt werden wir seit 2007 von der „TG Wiesmoor“. Einmal wöchentlich kommt die Übungsleiterin Anja Gerdes zu uns in den Wald und bietet ein sportliches Programm an, was von den Kindern sehr gern angenommen wird. Außerdem nutzen wir jeden ersten Dienstag im Monat die Turnhalle im Kindergarten Mullberg.
Förderung der Sinne
Nicht nur die Muskeln der Kindergartenkinder, sondern ebenso ihre Sinne, müssen trainiert werden! Unmittelbares Erleben und die eigenen Erfahrungen mit allen Sinnen stärken das Selbstbewusstsein des einzelnen Kindes und geben ihm emotionale Stabilität. Kinder, die ihre Sinne zu gebrauchen wissen, erleben mehr und sind innerlich reicher. Der Wald bietet ihnen eine Fülle von Bildern, Geräuschen, Gerüchen, Berührungs- und Bewegungsempfindungen, die zudem authentisch und durch unmittelbare Begegnung erlebbar sind. Der Wind und das Licht in den Bäumen, die ziehende weiße Wolke, der Geruch feuchter Walderde, der Raureif an den Gräsern, all dies sind Sinneseindrücke, die nur vor Ort im Wald zu erleben sind.
Unsere Welt ist heute vorwiegend visuell ausgerichtet, alle anderen Sinnesbereiche werden weitgehend vernachlässigt. Dem entgegenwirkend bietet der Raum und Spielplatz Waldkindergarten Wiesmoor eine Fülle von natürlichen Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten, die alle Sinne gleichermaßen ansprechen! So können die Kinder beim Balancieren auf Baumstämmen und beim Überqueren von Gräben ihren Gleichgewichtssinn trainieren, sie befühlen und beschnuppern Blumen, Pflanzen und Laub. Sie zerreiben Blätter zwischen den Fingern und nehmen den Duft von Minze und Kamille wahr. Sie hören den Grillen und Vögeln zu, nehmen das Rascheln der Blätter wahr oder testen die unterschiedliche Konsistenz des Waldbodens.
Stille erleben
Stille ist in der heutigen Zeit selten geworden. Im Wald herrscht, anders als oft in geschlossenen Räumen, keine permanente Lärmbelästigung vor. Hier erleben und erfahren die Kinder wieder Stille, die allerdings von Zeit zu Zeit von Geräuschen, verursacht durch den Wind, Tiere, forstwirtschaftliche Arbeiten oder andere Waldbesucher, durchsetzt wird, die aber wiederum zum Innehalten und Zuhören auffordern. Die äußere Ruhe erzeugt bei den Kindern innere Ruhe und führt dazu, dass ihre Konzentrationsfähigkeit, ihre Ausdauer und das Wahrnehmungsvermögen wachsen. Dies wird deutlich, wenn die Kinder über einen langen Zeitraum hinweg ein Eichhörnchen im Unterholz beobachten oder ausdauernd einer Geschichte lauschen.
Das Freie (Spiel)en im Waldkindergarten
Früher spielten die Kinder überwiegend im Freien. Unabhängig von der Jahreszeit und vom Wetter trafen sich die Mädchen und Jungen draußen auf der Straße, im Hof, auf unbebauten Grundstücken, im Wald, auf Wiesen, spielten dort und gingen gemeinsam auf Entdeckerreise. Draußen zu spielen war für die Kinder der Inbegriff von Freiheit. Die Straße war ein Ort, an dem soziales Verhalten eingeübt, Absprachen getroffen und Spiele erfunden wurden.
Nicht nur in den (Groß-)Städten sondern auch in ländlicheren Gebieten geht dieses Spielen auf der Straße und im Freien heute immer mehr zurück und führt letztendlich auch zu veränderten kindlichen Sozialgefügen. Während sich die Kinder früher spontan in großen Gruppen im Freien trafen, verabreden sie sich heute zumeist nur mit einem Spielkamerad. Die meisten Kinder halten sich zudem vor allem in den Häusern, in ihren eigenen Zimmern auf, nicht selten „gefesselt“ von Fernsehen, Video und Computerspielen. Bereits Kinder im Kindergartenalter werden in immer stärkerem Maße von den Medien beeinflusst. So beträgt z. B. die tägliche Dauer des Fernsehens bei Vierjährigen bereits durchschnittlich 73 Minuten pro Tag (siehe Tügel, H. 1996, S. 91). An die Stelle von natürlichem, improvisiertem Spielmaterial tritt Fertigspielzeug im Überfluss! Das freie (Bewegungs-)Spiel wird durch organisierte Spiel-, Sport- und Übungsangebote ersetzt, „Fertiges“ wird serviert und so sind bereits die Nachmittage vieler Kindergartenkinder regelrecht verplant.
Das Freispiel in unserem Kindergarten, sicherlich das Herzstück unserer pädagogischen Arbeit, soll diesen negativen Trends entgegenwirken: die Kinder benötigen (wieder) Freiraum für selbständige Begegnungen, für eigene Entdeckungen und Erkundungen! Direkte Erfahrungen in der Natur, Bewegungsmöglichkeiten, ausgiebiges Spielen, unbeeinflusst durch festgelegte Bestimmungen von vorgefertigtem Spielzeug müssen jederzeit möglich sein. Sie sollen Platz, Raum, Natur, Nischen und Ecken vorfinden können, die sie selbst gestalten und entsprechend ihren Vorstellungen definieren können, wo sie sich frei bewegen können und die sie auch einmal vor dem Zugriff durch die Erwachsenen bewahren.
Das freie Spielen im Wald bietet all diese Möglichkeiten, nimmt man alleine die unerschöpfliche Fülle von „Rohstoffen“: Bäume, Wurzeln, Stöcke, Steine, Blätter, Rindenstücke, Zapfen,...., die sich nach Lust und Lauen in Menschen, Tiere, Flugzeuge oder in ein buntes Kaufladensortiment oder auch Werkzeuge aller Art verwandeln lassen. Gehört es doch zu einer besonderen Gabe jedes Kindes, aus sich heraus frei spielen zu können und sich mit Hilfe der eigenen Phantasie selber Spielzeug gestalten zu können. Eine Fähigkeit jedoch, die sich bedauerlicherweise verringert oder verloren gehen kann, wenn bereits Kindergartenkinder mit „leblosen Fertigspielzeug“ überschüttet werden. Denn mit einer Fülle von Spielwaren nimmt man den Kindern auch die Freude, etwas aus eigener Kraft herzustellen und das „selbst Gemachte“ mit eigenen Gedanken und Gefühlen zu verbinden.
„Ein Kindergarten unter freiem Himmel, ohne Türen und Wände“
Heute finden wir überall Rahmenbedingungen vor, die unsere Kinder zu „kleinen Erwachsenen“ machen, die zum Beispiel einen Computer wie selbstverständlich bedienen. Jedoch bleiben dabei häufig das Verständnis für natürliche Zusammenhänge und die sinnliche Erfahrung der Umwelt auf der Strecke. Nicht nur zu Gunsten unserer Kindern, sondern auch für eine positive Entwicklung unserer Gesellschaft, sollte dem entgegengewirkt werden!
In unserem Kindergarten kommt es nicht so sehr darauf an, dass die Kinder die Namen möglichst vieler Pflanzen und Tiere auswendig lernen. Vielmehr wird hier die Natur unmittelbar erlebt und erfahren! Das tägliche Spielen und Dasein unter freiem Himmel führt dazu, dass die Waldkinder eine feste Bindung zur Natur aufbauen. Eine große Sensibilisierung und Achtung für die zu schützende Umwelt kann so entstehen! Die Kinder erfahren aus nächster Nähe, in welchem Rhythmus ein Jahr abläuft und wie Pflanzen und Tiere sich den Jahreszeiten und dem Wetter anpassen. Die Kreisläufe der Natur, das Wachsen und Vergehen, werden von ihnen direkt wahrgenommen. Jeden Tag aufs Neue finden sie viele Gelegenheiten zum Staunen, verlieren schnell die Scheu vor kleinem Waldgetier und entwickeln eine feste Bindung an „ihren“ Wald.
Dieses Erleben und tatsächliche Begreifen des Waldes mit all ihren Sinnen sollen die Kinder in vielfältigster Weise erfahren haben, bevor sie Fragen stellen und Erklärungen aufnehmen können. Denn unmittelbares Erleben, Erfahrungen mit dem ganzen Körper und mit allen Sinnen anstelle von „Projektionen aus zweiter Hand“ geben den kleinen Menschen vor allem Selbstwertgefühl und eine emotionale Stabilität; wichtige Voraussetzungen, die sie benötigen, um später in unserer Gesellschaft nicht nur den vielfältigen Anforderungen gewachsen zu sein, sondern sich aktiv handelnd und kreativ einzusetzen (siehe Konzeption des Waldkindergartens Flensburg i. V. 1997). Dabei ist an dieser Stelle noch anzumerken, dass auch die Erzieherinnen nicht immer jede Frage der Kinder sofort beantworten können und wollen, was vielleicht aber auch ganz gut ist. Denn so lernen die Kinder, wo und wie man sich Hilfe und Antworten holen kann, wenn gemeinsam in Bestimmungsbüchern nachgeschaut wird oder der Förster und andere Fachleute um Rat gefragt werden.
Eine ganz besonders enge, fast liebevolle Bindung und Beziehung zur Natur können die Erzieherinnen und Eltern immer wieder feststellen, wenn sich die Kindergartenkinder lautstark über die Mitmenschen beschweren, die im Hopelser Wald ihren Abfall hinterlassen und den die Kinder dann in der Mülltüte zum Parkplatz tragen. Möglicherweise wächst aus dieser Zuneigung dann auch die Bereitschaft, später als großer Mensch Verantwortung für den Schutz der Natur und Umwelt zu übernehmen!
Spielend Sprachen (Hochdeutsch/plattdeutsch) lernen mit Immersion im Waldkindergarten
Jeder Mensch verfügt genetisch über die erforderliche Fähigkeit, Sprache zu lernen. Wichtig ist: Kinder müssen genügend Zeit mit der neuen Sprache verbringen, der Kontakt zur Sprache muss vielseitig sein und lang genug anhalten. Der frühe Beginn einer zweiten Sprache fördert die gesamte geistige (kognitive) Entwicklung des Kindes. Zweisprachig bedeutet, dass Kinder sich bewusster über Sprache werden. Sie lernen, flexibler zu denken und versuchen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, die nicht so gut verstehen wie sie selbst. Die Eltern brauchen die neue Sprache nicht zu beherrschen oder zu Hause zu üben, sie sollten aber der zweiten Sprache gegenüber positiv eingestellt sein. Für mehrsprachige Menschen eröffnen sich neue Chancen in Schule und Beruf.
Sprachwissenschaftler haben festgestellt, dass Kinder im Alter ab 3 Jahren spielend mehrere Sprachen erlernen können. Das menschliche Gehirn ist dann besonders aufnahmefähig. Daher eignet sich die Kindergartenzeit sich besonders gut, um eine neue Sprache einzuführen. Die Kinder erhalten im Waldkindergarten aber keinen herkömmlichen Sprachunterricht, wie man ihn aus der Schule kennt, sondern „Immersionsunterricht“. Immersion bedeutet „Eintauchen“, sinngemäß übersetzt „Sprachbad“. Im bilingualen (zweisprachigen) Kindergarten wird die „neue“ Sprache die Arbeits- und Umgangssprache. Nach dem Prinzip „eine Person – eine Sprache“ spricht eine Erzieherin bei uns nur hochdeutsch (Liane Thau), die andere Erzieherin (Erika Liebenau) spricht nur plattdeutsch. Alles, was die plattdeutsch sprechende Erzieherin sagt, verstärkt sie durch Mimik, Gestik oder Zeigen. Das Kindergartenkind erschließt sich dann die Sprache eigenständig Stück für Stück aus dem Zusammenhang der Situation. Dies bildet die natürliche Art, wie Kinder Sprache lernen, gleichgültig ob als erste oder zweite. Immersion verfährt daher kindgerechter als jede andere Methode. Sie motiviert stark und kommt ohne Zwang und ohne Leistungsdruck aus. Immersion überfordert kein Kind. Kein Wunder daher, dass Immersion anerkanntermaßen weltweit als die erfolgreichste Methode gilt, Sprachen zu vermitteln. Wir als Waldkindergarten Wiesmoor würden uns sehr freuen, wenn sich an die Kindergartenzeit eine bilinguale Grundschulzeit in plattdeutscher Sprache mit bilingualem Unterricht anschließen würde.
Die plattdeutsche Sprache ist wissenschaftlich als eigene Sprache anerkannt. Sie wurde am 1. Januar 1999 in die „Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ aufgenommen und gehört somit zu den förderwürdigen Sprachen. Die plattdeutsche Sprache ist der englischen sehr verwandt, da beide Sprachen derselben Wurzel entstammen, nämlich dem Indogermanischem.
Warum haben wir uns im August 2008 für die Plattdeutsche Sprache als Zweitsprache im Waldkindergarten entschieden?
Plattdütsk mutt blieben!
Proot ok maal platt, wenn't passen deit,
daarmit uns Spraak nich ünner geiht!
Plattdeutsch ist die Nahsprache, die im Alltag der Ostfriesen im Haus der Großeltern, vielleicht auch noch im Elternhaus oder im Umfeld des Kindes gesprochen wird. Die Förderung der plattdeutschen Sprache dient dem Erhalt der Muttersprache und bringt Generationen enger zusammen.. Plattdeutsch ist die Sprache, die mit Geschichte, Tradition und Kultur der heimischen Region verbunden war und ist. Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung hat ergeben, dass die plattdeutsche Sprache reicher an Wortbildern ist als das Hochdeutsche.
Bei einigen Erzieherinnen in den Kindergärten ist Plattdeutsch noch die Muttersprache (so wie es bei uns im Kindergarten der Fall ist), deshalb können sie diese Sprache gut vermitteln. Die plattdeutsche Sprache erfährt so auch wieder eine Aufwertung.
5. Ganzheitliche Lernmöglichkeiten im Waldkindergarten als Vorbereitung auf die Schule
Der tägliche Aufenthalt im Wald bietet den Kindern wertvolle Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten, die ihnen sonst in unserer heutigen durchorganisierten, von technischen Abläufen bestimmten Welt, in der Sinnzusammenhänge immer weniger durchschaubar sind und in der die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten immer geringer werden, oftmals abhanden gekommen sind. Hier im Waldkindergarten ist die wichtigste pädagogische Kraft die Natur selbst! Der freie Himmel, also auch keine begrenzenden Türen und Wände, die Stille, die frei verfügbare Zeit zum Spielen während des Freispiels bilden den äußeren Rahmen, in dem die Kinder zu innerer Ruhe und emotionaler Stabilität kommen und Konzentrationsfähigkeit finden können. Sicherlich ließe sich diese Liste an Merkmalen noch weiter fortführen, zeigen sich hier aber schon wichtige Ziele und Kompetenzen gerade auch im Hinblick auf die weiteren Lebensabschnitte unserer Kinder, weit über die Kindergartenzeit hinaus!
Die Erzieherinnen im Kindergarten arbeiten, leben, lernen und lachen jeden Tag gemeinsam mit Kindern, die in einem entscheidenden und einmaligen Lebensabschnitt stehen, weshalb sie auch eine besonders verantwortungsvolle und ernst zu nehmende Aufgabe erfüllen müssen. Die Erziehung im Waldkindergarten ist ganzheitlich orientiert vom ersten bis zum letzten Kindergartentag. Das bedeutet, die Kinder werden hier sozial, intellektuell, emotional, schöpferisch sowie körperlich gefordert und gefördert. Die Kinder begreifen ihre Welt durch vielfältige Selbsttätigkeit, ihr Wissen basiert zu großen Teilen auf real gemachten Erfahrungen durch die unmittelbare Begegnung mit Gegenständen, Menschen, Tieren und Situationen.
Im Waldkindergarten Wiesmoor sollen die Kinder mit einem Stück ursprünglicher, natürlicher Welt vertraut werden, die sich noch entdecken und erobern lässt. Sie sollen nicht nur „waldtauglich“, sondern auch lebenstüchtig werden, wenn hier Erleben einen höheren Stellenwert einnimmt als ein überzogenes Sicherheitsdenken, das dem Leben die Lebendigkeit austreibt. Verschiedene Untersuchungen belegen, dass bereits Kindergartenkinder heute in vielen Bereichen große Defizite haben. So können viele Kinder beispielsweise einfache Bewegungsabläufe in alltäglichen Situationen nicht mehr durchführen. Die Folgen sind dann erhöhte Unfallrisiken, aber auch Gesundheitsmängel aufgrund eingeschränkter Bewegung, wie eine Gesundheitsstudie in deutschen Kindergärten ergab. Hier hatten 60 % aller Drei- bis Sechsjährigen Haltungsschäden, 40 % Herz- und Kreislaufprobleme und 30 % Übergewicht (vgl. Kunz, T. 1983, S 13).
Der Wald gibt den Kindern den nötigen Raum, ihren Bewegungsdrang in einer natürlichen, nicht durch künstliche Reize überfluteten Umgebung auszuleben, neue Bewegungsabläufe zu erwerben, zu trainieren und zu koordinieren. Die vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten im Wald fördern nicht nur die motorische, sondern gleichzeitig auch die kognitive Entwicklung (Erkennen, Erfassen, Intelligenz, Denken, Wahrnehmung, Sprache), die eng mit der Motorik verbunden ist, zumal das Erwerben von Kenntnissen über unsere Welt von den Kindern nicht so sehr über komplizierte Denkakte, sondern vielmehr durch die Sinneswahrnehmungen Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen und Sehen erfolgt. Gerade Kindergartenkinder lernen überwiegend handlungs- und erfahrungsbezogen und sind darüber hinaus besonders aufnahmebereit und begeisterungsfähig. Vieles von dem, was sie in ihrer Umgebung sehen und erleben wird sofort freudig in ihrem Spiel aufgegriffen und nachgeahmt. Im Spiel hat das Kind die Möglichkeit, neue Erfahrungen und neues Wissen zu erwerben, dieses gleichzeitig zu verarbeiten und so vielerlei zu lernen. Das Kind lernt während dieses Lebensabschnittes hauptsächlich aus eigenem Antrieb heraus, aus Freude an dem, was um es herum geschieht sowie aus Interesse an den Dingen selbst.
Vor diesem Hintergrund ergeben sich für die Kinder des Waldkindergartens Wiesmoor vielfältige Möglichkeiten, die im Folgenden stichpunktartig vorgestellt werden und die deutlich machen, dass der Waldkindergarten die Persönlichkeit des Kindes ganzheitlich fördert:
·Kommunikationsfähigkeit (z. B. Im Freispiel miteinander zu reden, um das gemeinsame Spiel zu planen)
·Sozialverhalten (z. B. einander helfen, den Rucksack aufzusetzen)
·Phantasie und Kreativität (z. B. eine Puppe oder anderes Spielmaterial aus Stöcken und Gräsern herstellen)
·Selbstvertrauen (z. B. sich trauen, über einen Wassergraben zu springen)
·Grobmotorik (z. B. beim Klettern auf einen Baum)
·Feinmotorik (z. B. beim Schneiden von Gräsern mit einer Schere oder beim Arbeiten mit verschiedenen Werkzeugen; beim Basteln mit Tonpapier)
·Naturkenntnisse (z. B. beim Beobachten von Tieren, Pflanzen und Naturphänomenen sowie durch Gespräche und ergänzende Informationen durch andere)
·Taktile Wahrnehmung (z. B. beim Matschen und Formen mit Erde oder Lehm)
·Regelverständnis (z. B. bei den Kreisspielen oder an den Haltepunkten, an denen die Kinder warten müssen, bis alle anderen angekommen sind)
·Konzentrationsfähigkeit (z. B. beim Balancieren über einen Baumstamm)
Zu vielen dieser Bereiche ist in den vorangegangenen Kapiteln bereits ausführlich Bezug genommen worden. Ebenso wurde aufgezeigt, inwieweit der Wald als Erfahrungsraum hier diesbezüglich in idealer Weise wirken kann. Im folgenden Abschnitt wird nun aufgezeigt, inwieweit der Waldkindergarten die Kinder auf die Schule und ihr weiteres Leben vorbereitet. Dazu ist zuerst einmal festzuhalten, dass weder im KJHG noch im KiTaG von einer Förderung der Schulfähigkeit im Zusammenhang mit den Aufgaben von Kindergärten die Rede ist und es sich zudem auch trefflich darüber streiten ließe, welche Kriterien denn nun hierfür verbindlich wären.
Unsere Erzieherinnen stehen in einem regelmäßigen Austausch und Kontakt zu allen Grundschulen in Wiesmoor durch den Arbeitskreis KiGs. Nicht zuletzt mit Hilfe der gemeinsam organisierten Kennenlerntage für die zukünftigen Schulanfänger, dem Austausch von gewonnenen Erfahrungen auf beiden Seiten, gegenseitigen Hospitationen und der Organisation von gemeinsamen Elternabenden und Festen geht es ihnen darum, einen gleitenden Übergang zwischen dem Waldkindergarten und der Grundschule zu schaffen.
Allgemein kann man sagen, dass das Lernen in der Grundschule keiner besonderen Vorkenntnisse bedarf. Selbstverständlich gibt es gewisse Basiskompetenzen, über die ein Grundschulkind wünschenswerter Weise verfügen sollte und die dem Kind den Einstig in die Schule erleichtern könnten. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Formen sozialen Verhaltens, Selbstsicherheit, Selbständigkeit, Konzentrationsfähigkeit, die Fähigkeit, sich an Regeln zu orientieren, die Fähigkeit zur Kommunikation, Lernbereitschaft und Kreativität. Jedoch sollten sich diese, wie die Erfahrungen der letzten Jahre bereits gezeigt haben, durch den Besuch des Waldkindergartens intensiv ausgebildet haben, zumal das Ziel der pädagogischen Arbeit im Waldkindergarten Wiesmoor in erster Linie die Förderung der Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit ist. Ein anderer wesentlicher Aspekt wird bei der Frage nach einer Förderung der Schulfähigkeit häufig vernachlässigt: die Bedeutung des Spiels für die kindliche Entwicklung. Kinder lernen spielend, und nur wenn sie sich mit der Welt im Spiel ausgiebig auseinander gesetzt haben, können sie sie auch in ihren komplexen Zusammenhängen verstehen. Anders als die Kinder beispielsweise mit Schwungübungen oder Vorschulstunden vermeintlich auf den weiteren Lebensabschnitt vorzubereiten, ermöglicht der Besuch des Waldkindergartens ihnen viele unbeschwerte Stunden zum Spielen im Wald. Intensives, lang andauerndes Spielen, vor allem unbeeinflusst durch festgelegte Bestimmungen von vorgefertigtem Spielzeug, das die Entfaltung der Eigeninitiative, der Phantasie und der Kreativität anregt sowie zahlreiche soziale Lernmöglichkeiten, bietet, das erleben viele Kinder heute ansonsten nur noch selten. Darüber hinaus sind die Sinneserfahrungen und Bewegungsmöglichkeiten, wie der Wald sie in Hülle und Fülle biet, die besten Voraussetzungen für die Entwicklung der Fähigkeit zum abstrakten Denken. Die Vielfalt an Bewegungsmöglichkeiten sowie die Anregung aller Sinne verhelfen den Kindern dann auch dazu, in der Schule die notwendige Konzentration und Ausdauer zu entwickeln, die dort gefordert werden. Auch erfordert es vollständige Ruhe und Konzentration, still auf dem Waldweg sitzend ein Eichhörnchen bei der Futtersuche zu beobachten und es dabei nicht aus den Augen zu verlieren, wie es immer wieder im Wald zu erleben ist. Das Stillsitzen lernen die Kinder im Waldkindergarten also nicht auf Stühlen, vielmehr werden sie jeden Tag wieder aufs Neue vom Abenteuer Wald „gefesselt“. Hinsichtlich der Motorik ist festzustellen, dass der Bewegungsraum Wald zugleich die Grob- wie auch die Feinmotorik durch das Spielen und Basteln mit großen wie auch mit kleinsten Naturmaterialien fördert, so dass man davon ausgehen kann, dass die Kinder mit grundlegenden motorischen Kenntnissen und Fähigkeiten in die Grundschule entlassen werden.
Wichtig für einen gelungenen Start in die Schule ist mit Sicherheit auch ein neugieriges, interessiertes Kind, das aufmerksam beobachtet und viel fragt. Der Wald bietet jeden Tag etwas Neues, was entdeckt, erforscht und hinterfragt werden muss, auch ganz ohne Impuls oder Anleitung durch eine Erzieherin. Das Interesse und die Neugier auf Dinge und Sachverhalte schlummern in jedem Kind und werden durch die natürliche Umgebung im Wald mehr als geweckt.
Farben, Formen und Anzahlen erlernen die Kinder im Waldkindergarten bei ihrem Aufenthalt im Wald und durch die diversen Rituale und Angebote, wenn sie z. B. Im Herbst mit bunten Blättern Bilder legen oder Steine, Tannenzapfen sowie im Morgenkreis alle Anwesenden zählen. Auch das freie Sprechen vor der Gruppe und das gegenseitige Zuhören werden beispielsweise täglich im Morgenkreis und während des gemeinsamen Frühstücks geübt und auch im Freispiel entwickeln die Kinder eine verstärkte verbale Kommunikation, sie müssen ganz einfach viel mehr erzählen und erklären in ihrem weitestgehend „spielzeugfreien“ Kindergarten.
6. Der Waldkindergarten – ganz praktisch: nützliche Tipps rund um Kleidung und Ausrüstung
Ein altes Sprichwort sagt: „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung!“ und so kommt es gerade bei Regenwetter darauf an, dass die Kinder im Wald richtig gekleidet sind. Aber auch für die kalten Wintermonate und die warmen Tage im Wald sind bestimmte Dinge, Tipps und Tricks rund um das Thema Kleidung und Ausrüstung zu beachten, auf die wir in diesem Kapitel näher eingehen wollen.
6.1 Regen
„Was macht ihr denn, wenn es regnet? Geht ihr dann in die Blockhütte oder den Bauwagen?“ Diese und ähnliche Fragen werden immer wieder gestellt, doch erstens wären diese Unterkünfte viel zu klein, um einen Vormittag darin zu verbringen, und zweitens wäre es den Kindern bestimmt nicht recht, wenn sie sich gerade dann, wenn sich überall im Wald herrliche Pfützen bilden, Gräben mit Wasser füllen oder die Tannen ein schützendes Dach bilden ausschließlich hier aufhalten müssten! Sicherlich ist es äußerst sinnvoll, dass der Waldkindergarten Wiesmoor diese schützenden Unterkünfte wie den Bauwagen, das Blockhaus oder die „Köhlerhütte“ auf seinem Areal hat, was sich auch daran zeigt, dass die Kinder schon ein Gespür dafür entwickelt haben, bei eher regnerischen Tagen eines dieser Ziele zum Frühstücken anzusteuern. Denn anders als für das anschließende Freispiel gilt für das gemeinsame Frühstück, dass hier alle gerne im Trockenen sitzen, wobei dies durchaus auch das dichte Blätter- oder Nadelwerk der Bäume sein kann! Danach gibt es jedoch viele interessante Dinge zu erleben: Pfützen, die entstanden sind wollen miteinander verbunden werden; Wasserfälle, die an den Bäumen herunter laufen, müssen untersucht und befühlt werden und insbesondere das grenzenlose Herummatschen ist eine beliebte Tätigkeit an Regentagen. Einfach aus sich heraus, ohne Anleitung, lauschen die Kinder auch der Blättermusik während des Regens, fangen mit ihrer Zunge die Regentropfen auf oder beobachten das Kriechen und Tun eines Regenwurms. Nach einem aufregenden Regenvormittag, an dem sie in Gemeinschaftsarbeit zwei Gräben miteinander verbunden haben, etliche Grasfische geangelt und mit Lehm herum experimentiert haben, treffen die Kinder zwar dreckbespritzt und nass, aber doch glücklich, etwas geleistet zu haben, an dem Abholplatz ein.
Das machen die Waldkinder also, wenn es regnet!. Ausgerüstet mit Gummistiefeln, Buddelhose, Regenjacke und dem Südwester mit einer extra breiten Krempe im Nacken kann ihnen der Regen nichts anhaben, geschweige denn die gute Laune vermiesen oder den Bewegungs- und Spieldrang einengen. Insbesondere bei Regen, aber auch an den meisten anderen Tagen im Waldkindergartenjahr, ist die wasserabweisende Buddelhose unerlässlich, bietet sie nicht nur Schutz und Wärme bei Nässe, sondern auch die darunter befindliche Kleidung wird geschützt. Die Latzhose wird über die Schuhe oder Gummistiefel gezogen, wobei ein Gummisteg die Hosenbeine unter der Sohle fixiert. Da sie durch verstellbare Gummiträger „mitwächst“ kann sie über einen relativ langen Zeitraum getragen werden. Es gibt immer wieder Diskussionen um die Umweltverträglichkeit und Gesundheitsgefährdung durch Regenkleidung und so bemühen die Eltern sich, auf Hosen und Jacken zurückzugreifen, die frei von PVC, Cadmium und Formaldehyd sind.
6.2 Sturm und Gewitter
Bei extremen Wetterlagen wie Sturm (ab Windstärke 8) oder Gewitter steht dem Waldkindergarten Wiesmoor mit der Mullberger Turnhalle ein Ausweichquartier zur Verfügung. Der Aufenthalt im Wald ist dann wegen der Gefahr herabstürzender Bäume oder Äste zu gefährlich, weshalb die Erzieherinnen auch gezwungen sind, sich täglich über das Wetter des nächsten Vormittages zu informieren. Mit der für solche Notfälle eingerichteten Telefonkette unterrichten sie die Eltern an den entsprechenden Gewitter- oder Sturmtagen am Morgen über den neuen Treffpunkt. Auch wenn so ein Morgen in der Turnhalle für die Kinder eine nette Abwechslung ist, gegen Ende des Vormittages häufen sich zumeist die Fragen der Kinder: „Aber morgen gehen wir doch wieder in den Wald, oder?“ Schließlich gibt es hier gerade nach stürmischen Tagen und Nächten jede Menge zu entdecken, denn der Wald verändert sich Tag für Tag durch das verschiedene Wetter und die Jahreszeiten und kann so immer wieder neu von Kindern und Erzieherinnen gesehen und erlebt werden!
6.3 Kälte
Auch bei extremer Kälte (Temperaturen von mehr als -10 °) dient die Turnhalle dem Waldkindergarten als Ausweichquartier, stellen diese Minusgrade doch gerade für die Jüngsten der Gruppe eine zu große Herausforderung dar. Ansonsten gilt jedoch für die Sommer- als auch Wintermonate im Waldkindergarten, dass die Kinder täglich fünf Stunden im Wald unterwegs sind! So kommt es im Winter neben der richtigen Bekleidung vor allem darauf an, sich möglichst viel zu bewegen (zu laufen, zu rennen und zu spielen) und die Kälte so gar nicht erst zum Problem werden lassen. Die viele Bewegung in Form von längeren Spaziergängen oder Lauf- und Bewegungsspielen schon vor dem Frühstück sorgt dafür, dass alle warm bleiben und niemand während des Frühstücks, das entsprechend kürzer ausfällt als an milderen Tagen, friert. Oft sind die Erzieherinnen erstaunt, wie schnell einzelne Kinder ihre Woll- und Buddelhandschuhe zurück in den Rucksack stecken oder diese nach dem Frühstück gar nicht wieder anziehen wollen, so eine „Betriebstemperatur“ haben sie entwickelt.
Ähnlich wie bei einer Zwiebel wärmen gerade im Winter mehrere dünne Schichten übereinander getragen die Kinder besser als nur eine dicke Schicht. Gute Erfahrungen haben wir vor allem mit Kleidung aus der Kunstfaser Fleece gemacht: lange Hosen, Pullover, Jacken, Westen, Socken. Fleece ist nicht nur kuschelig, sondern vor allem auch sehr unempfindlich und pflegeleicht und während sich anderes Material beim Toben durch Pfützen oder durch Schnee im ungünstigen Fall voll Wasser zieht, hält Fleece hier weiterhin warm. Anstelle der Buddelsachen können die Kinder bei trockenem Wetter auch einen zweiteiligen Schneeanzug tragen und sich so zusätzlich gegen die Kälte schützen. Unpraktisch sind hingegen Schneeoveralls, weil diese vor allem die Selbständigkeit der Kinder beim Pipimachen einschränken. Die wasserfesten Buddelfäustlinge können bei Kälte und Nässe noch über die eigentlichen Handschuhe der Kinder gezogen werden und sorgen so für trockene und warme Hände beim Spielen.
6.4 Sonnenschein und Wärme
Auch in der wärmeren Jahreszeit sind im Wald festes Schuhwerk, Buddeljacke und -hose, lange Hose (z. B. Leggings), langärmeliges Shirt und eine Kopfbedeckung äußerst sinnvoll und ratsam. Zum einen ist es im Wald immer kühler, zum anderen dienen diese Kleidungsstücke auch zum Schutz vor stacheligem Gebüsch, Brennnesseln und nicht zuletzt vor Mücken und Zecken. Ähnlich wie im Winter gilt auch für die Sommermonate im Wald, dass die Kleidung die Bewegungsfreiheit nicht einschränken darf und die Kinder nach dem Zweibelprinzip angezogen sind, da es gerade morgens oft noch sehr frisch sein kann, während die Sonneneinstrahlung und Wärme am Vormittag stetig zunimmt. Wenn es zu warm wird können Buddelhose und -jacke ausgezogen und in den Rucksack verstaut werden. Daher sollte der Rucksack der Kinder nicht zu klein, aber auch nicht zu groß und vor allem leicht sein. Wichtig sind des Weiteren breite, gut sitzende Träger, die – wenn nötig – vor der Brust mit einer weiteren Schnalle oder einem Klettband verbunden werden können.
6.5 „Was ist drin in den Rucksäcken?“
Nimmt man die Rucksäcke der Kinder unter die Lupe, findet man dort folgende Dinge: jedes Kind trägt in seinem Rucksack eine kleine Isomatte mit sich, die beim Frühstück oder anderen Gelegenheiten als Sitzunterlage dient und beim Tragen im Winter zusätzlich den Rücken wärmt. Das möglichst gesunde und abfallarme Frühstück soll in einer Brotdose, einer Thermoskanne (bzw. einer anderen Trinkflasche) verpackt sein. Zusätzlich gehören das Schnitzmesser (ein Sparschäler) sowie eine Lupe zur täglichen Ausrüstung der Kinder. Wichtig ist auch der selbst bemalte Sammelbeutel der Kinder, finden sich doch immer wieder kleinere und größere Schätze im Wald, die so gut nach Hause zu transportieren sind.
In den großen Rucksäcken der Erzieherinnen sind neben dem Frühstück und der Isomatte immer folgende Dinge zu finden:
·ein Handy für alle Fälle und Notfälle
·Erste Hilfe-Tasche für für alle kleineren und größeren Kratzer
·Plastikflasche mit Seifenwasser zum Hände waschen
·Handtuch zum Hände abtrocknen
·Kleidung zum Wechseln in mehreren Größen und Ausführungen
·kleine Plastiktüten (auch für nasse Füße gut zu gebrauchen) und Müllbeutel
·verschiedene Pflanzen- und Tierbestimmungsbücher
·Taschenmesser, Fernglas
·Fotoapparat
·bunte Seile zum Klettern, Spielen, Zusammenbinden
·Klappspaten zum Eingraben der Exkremente
·Toilettenpapier und Feuchttücher
· Kühlpakete während der Mücken- und Wespenzeit
·Desinfektionsmittel
·„Tagebuch“ und Stifte
und natürlich auch ständig wechselndes Material für aktuelle Angebote, wie z. B. (Bilder-) Bücher, Löffel, Schüsseln zum Aufbewahren und Anrühren von Gips, …
7. Gesundheitsschutz und Prävention im Waldkindergarten
Der Wald als Ort unseres Kindergartens birgt andere Risiken für Kinder und Erzieherinnen als der Hauskindergarten. Dies bezieht sich nicht so sehr auf eine höhere Unfallgefährdung, denn diese ist im Waldkindergarten nach Aussagen entsprechender Stellen eher geringer als im Regelkindergarten. Von Anfang an lernen die Waldkinder, sich in ihrer oft unwegsamen, schwierigen Umgebung zu bewegen, können Gefahren und Eigenheiten einschätzen und immer besser meistern. Vielmehr besteht in einem Kindergarten unter freiem Himmel ein besonderes Risiko durch Insektenstiche und Zeckenbisse sowie durch Fuchsbandwurm. Anzumerken ist jedoch, dass sich der Waldkindergarten Wiesmoor im Einzugsbereich einer ländlichen Gegend befindet und die Familien der Waldkinder oft auch zu Hause den oben genannten Gefahren ausgesetzt sind. In diesem ländlichen Raum lauern überall Insekten und Zecken und die Gefahr des Fuchsbandwurmes ist sicher nicht nur im Hopelser Wald zu sehen.
Die umweltpädagogischen und gesundheitlichen Vorteile des Spielens und Lernens in der freien Natur überwiegen jedoch sicher die Nachteile durch die kleinen Störenfriede. Allerdings müssen im Waldkindergarten einige Regeln unbedingt beachtet und eingehalten werden, um eventuelle Probleme zu vermeiden und die Risiken so gering wie möglich zu halten.
Vor Eintritt der Kinder in den Waldkindergarten Wiesmoor erhalten die Eltern daher eine Informationsschrift über Vorsorgemaßnahmen und -regeln zur Gefahrenabwehr durch Zecken, Fuchsbandwurm und ausreichenden Tetanusschutz. Durch ihre Unterschrift bestätigen sie die Kenntnisnahme des Inhaltes. Zudem wird auch auf dem ersten Elternabend mit den neuen Eltern des jeweiligen Kindergartenjahres dieser Punkt des Gesundheitsschutzes und der Prävention ausführlich erörtert.
Die Kinder selbst lernen gleich zu Beginn ihrer Waldkindergartenzeit vor Ort bestimmte Grundregeln, die für den Aufenthalt im Wald aus der Sicht des Gesundheitsschutzes notwendig sind. So wissen die Kinder bereits aus den ersten Tagen und Wochen im Wald
·dass sie keine Waldfrüchte, -beeren oder Pilze roh verzehren dürfen
·dass sie weder ihre verschmutzten Finger noch irgendwelche Waldmaterialien wie z. B. Äste, Gras oder Erde in den Mund stecken dürfen
·dass sich alle vor dem Frühstück immer gründlich die Hände mit dem mitgebrachten Seifenwasser waschen müssen
·dass sie keine Exkremente oder Tierkadaver anfassen dürfen
·dass sie nur an den extra gekennzeichneten Stellen im Wald Pipi machen dürfen
Dies kann auf unterschiedlichen, spielerischen Wegen erfolgen und muss sicher nach Bedarf häufiger wiederholt werden, damit die Kinder diese Verhaltensmaßnahmen verinnerlichen und bewusst damit umgehen.
Grundsätzlich ist es wichtig, dass der Kindergarten hier von Seiten des Elternhauses Unterstützung in der präventiven Gesundheitsarbeit erfährt. Zwar verbergen sich im Wald mögliche Gesundheitsrisiken, für unseren Kindergarten legen wir jedoch großen Wert darauf, diese bekannt zu machen Denn bei vernünftigem Umgang und ausreichender Aufklärung über eventuelle Erkrankungen dezimiert sich das Risiko auf ein Minimum! Um zusätzlich ganz sicher zu gehen, empfehlen wir den Eltern gerade in Bezug auf Borreliose und Fuchsbandwurm jährlich eine Blutuntersuchung zur Kontrolle und zur Sicherheit der Kinder vorzunehmen.
8. „Ohne Eltern geht es nicht!“
Die Elternarbeit stellt einen unerlässlichen Baustein im Gesamtkonzept des Waldkindergartens dar. Dies begründet sich schon aus der Tatsache, dass erst durch das Engagement und den Einsatz der Eltern diese Idee in Wiesmoor Realität werden konnte.
Nach nun bereits mehr als elf Jahren Erfahrung in Sachen Waldkindergarten in Wiesmoor lässt sich feststellen: nicht nur die Kinder und Erzieherinnen verbringen jeden Tag tolle und spannende Vormittage im Wald, auch die Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde tragen alle ihren Teil dazu bei, dass hier eine wunderbare Idee durch ihr Zutun Gestalt angenommen hat und sich weiterentwickelt.
Der „etwas andere“ Kindergarten macht es immer wieder nötig, die Eltern in die laufende Arbeit des Waldkindergartens einzubinden, wenn es beispielsweise heißt: „wer hat noch dieses oder jenes für uns?“, „wer kann das vielleicht besonders gut?“ und immer bedeutet dies für jeden einzelnen, viel Zeit und Mühe zu investieren. Denn als privater Kindergarten, entstanden durch eine Elterninitiative, ist der Waldkindergarten Wiesmoor sehr stark auf zupackende, offene, motivierte und vor allem aufgeschlossene Eltern angewiesen. Ohne deren Mitarbeit und regelmäßige Hilfe geht es nicht und viele Aktivitäten des Kindergartens wären gar nicht möglich!
Neben dieser eher „offiziellen“ Mitarbeit sind die Eltern aber vor allem auch wichtig, wenn sie
·für die wetterfeste Kleidung, die Ausrüstung und das Frühstück ihrer Kinder sorgen
·für den Transport zum und vom Waldkindergarten zuständig sind und dabei das Bemühen um die Bildung von Fahrgemeinschaften oder auch die Nutzung des Fahrrades unterstützen
·Dinge, die im Waldkindergarten nicht so häufig genutzt werden können (wie z. B. Stifte, Klebstoff, Scheren, Pinsel, Gesellschaftsspiele,...) zu Hause ausreichend zur Verfügung stellen
·ihre Kinder fröhlich und interessiert empfangen, auch wenn sie schmutzig und wieder mit einem dicken Ast oder unzähligen Steinen beladen aus dem Wald kommen
·versuchen, die Arbeit des Kindergartens und die Erfahrungen der Kinder als notwendige Kontinuität auch zu Hause zu unterstützen (z. B. müllarmes Einkaufen, gesundes Esse, richtiges Konfliktverhalten, …)
und so vor allem erreichen, dass sie von und mit dem eigenen Kind lernen! Die Eltern unterstützen damit auch die pädagogische Arbeit des Waldkindergartens.
Der Kontakt zwischen den Erzieherinnen und Erziehungsberechtigten ist insofern von großer Bedeutung und kann sich in verschiedenen Formen vollziehen: so ist beispielsweise morgens oder mittags immer die Zeit für ein kurzes Gespräch am Treffpunkt gegeben, um die nötigsten Dinge sofort zu besprechen. Kurze Mitteilungen können auch auf kleine Zettel geschrieben und in die Brotdose des Kindes gelegt werden. Einmal im Jahr führen die Erzieherinnen mit den Eltern Einzelgespräche über jedes Kind. Regelmäßige Elternbriefe und eine etwa alle zwei Monate erscheinende den jeweiligen Projekten angepasste „Kindergartenzeitung“ informieren über das, was im Kindergarten geschieht. So finden die Eltern in diesen „Waldkindergartenheften“ beispielsweise die aktuellen Liedtexte und ggf. Büchertipps zu den entsprechenden Themen oder auch einige fachdidaktische Informationen. Aktuelle Informationen finden die Eltern am Schaukasten am Waldrand (Abholplatz).
Auch die mehrmals im Jahr stattfindenden Elternabende dienen dem Informationsaustausch, dem besseren Kennenlernen untereinander, dem gemütlichen Klönen und Beisammensein und wird vor allem zur gemeinsamen Planung und Vorbereitung verschiedener Veranstaltungen, Aktionen oder Feste genutzt. Dabei ist es den Erzieherinnen sehr wichtig, dass sie an diesen Abenden auch für Einzelgespräche zur Verfügung stehen, findet sich dafür doch im normalen Kindergartentag oftmals keine Zeit und Ruhe.
Dass es sich um einen etwas anderen Kindergarten handelt, zeigt sich auch daran, dass so ein Elternabend durchaus auch im Wald stattfinden kann und die Eltern dann beispielsweise vor der nicht immer leichten Aufgabe stehen, einen Lehmofen oder eine Puppentheaterbühne für die Kinder zu bauen. Selbstverständlich finden Kontakte zwischen Erzieherinnen und Eltern darüber hinaus vor allem bei gemeinsam stattfindenden Aktivitäten mit Eltern und Kindern statt, wie z. B. einer Kutschfahrt mit anschließendem Grillen, dem Bau unserer Waldameise zum Blütenfest oder auch bei der Übernachtung in Zelten und gleichzeitigen Verabschiedung der Schulkinder zum Ende des Kindergartenjahres. Bei all diesen und ähnlichen Aktionen und Veranstaltungen stehen dann neben der sonst so vielen Arbeit auch immer das Feiern und Fröhlich-sein im Vordergrund und das Gemeinschaftsgefühl wird gestärkt und ausgebaut. Darüber hinaus bilden auch die bereits angesprochenen Hausbesuche einen wichtigen Baustein, wenn die Erzieherinnen und natürlich auch die anderen Kinder der Gruppe das Umfeld des jeweils besuchten Kindergartenkindes näher kennenlernen.
Diese Form der Elternarbeit bedeutet sowohl für die Eltern als auch für die Erzieherinnen ein ganzes Stück Mehrarbeit. Dieses „Hand in Hand arbeiten“ und der enge Kontakt zwischen allen Beteiligten kommen aber in erster Linie unseren Kindern entgegen!
Bereits vor dem Beginn der offiziellen Kindergartenzeit hat die Zusammenarbeit mit den neuen Eltern und zukünftigen Waldkindern einen hohen Stellenwert. Wann immer „die Neuen“ Zeit und Lust haben, können sie nach kurzer vorheriger Absprache am Waldkindergartenvormittag teilnehmen. Dieses „Öffnen“ unseres Kindergartens soll dazu beitragen, mögliche Ängste und Vorbehalte abzubauen und vor allem dem Kind einen sanften, angstfreien Übergang in die Kindergartenzeit zu ermöglichen. Die „alten und erfahrenen“ Waldkinder freuen sich auf die neuen Freunde und Spielkameraden und auch ihre Eltern übernehmen die Patenschaft für die neuen Waldkindergartenfamilien und stehen für alle Fragen rund um Kleidung, Organisation usw. zur Verfügung.
Erste gute Erfahrungen konnten wir hier auch schon mit einer kleinen Kleiderbörse machen, hatten doch unsere ersten Schulkinder und ihre Eltern nicht nur zahlreiche Tipps sondern auch noch brauchbare Jacken, Hosen und andere Ausrüstung für den Waldkindergartenalltag an die Neuen abzugeben. Denn gerade in den Punkten Kleidung und Ausrüstung sind wir alle auf gegenseitige Tipps und Ratschläge, auch bezüglich möglicher Einkaufsadressen, angewiesen, um so die Kosten möglichst gering zu halten. Denn inzwischen gibt es für Kinder zwar sehr gute wasserdichte, atmungsaktive Kleidung und Schuhe, die sich für unsere „Extrem- und Dauerbelastung“ im Waldkindergarten auch als sehr zweckmäßig herausstellen, oft aber auch in der Anschaffung sehr teuer sind.
Die Erzieherinnen streben bei all diesen Gelegenheiten rund um den Kindergartenalltag einen sehr offenen und ehrlichen Dialog mit den Eltern der Waldkindergartenkinder an. Sie erzählen von sich selbst und den vielen lustigen, ernsten, komischen und schönen Erfahrungen und Begebenheiten, die sie mit den Kindern machen und gemacht haben. Dadurch bekommen wir Eltern auch Sicherheit „im Abgeben“ der Kinder. Denn schließlich handeln wir ja alle in der gemeinsamen Verantwortung, um sicher zu sein, dass die Kinder es im Waldkindergarten gut haben, sich dort wohl fühlen und ein Stückchen „zu Hause“ fühlen!
9. Reflexion, Ausblick, Visionen …
Sehr wertvoll war bis zum heutigen Tag dabei, dass die beiden Erzieherinnen Erika Liebenau, die von Anfang an dabei war, und Liane Thau nun bereits seit vielen Jahren kontinuierlich zusammenarbeiten und ein starkes Team bilden. So ziehen diese beiden dann durchaus auch sehr positive Bilanz.
Sie betonen immer wieder die Vorzüge der kleinen Kindergartengruppe, gerade auch hinsichtlich der vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten und dem Aufbau des Sozialverhaltens. Die Ausgangsbasis „Bewegung“ wirkt sich nicht nur positiv auf die Entwicklung der Grob- und Feinmotorik aus, sondern reicht auch in die Bereiche der Wahrnehmung, des Selbstvertrauens und der Konzentrationsfähigkeit der Kinder hinein. Nicht zuletzt zeigen die jährlichen Schulanfänger, die ohne Schwierigkeiten den Übergang zur Grundschule gemeistert haben und in der Wissensvermittlung Schritt halten können, dass auch Waldkindergartenkinder in ihrem „etwas anderen Kindergarten“ durchaus gut für das weitere Leben gerüstet sind.
Der Waldkindergarten hat sich den Erfordernissen 2006 einer erweiterten Betreuung von täglich vier auf fünf Stunden im Hinblick einer immer größeren berufstätigen Elternschaft gestellt. Da Bewegung eine erforderliche Ausgangsbasis für unsere Kindergartenarbeit ist, war der Erhalt des Markenzeichens „Bewegungskita“ 2007 ein weiterer Meilenstein für die aktuellen und sich ständig weiterentwickelnden pädagogischen Anforderungen, denen sich der Waldkindergarten jedes Jahr aufs Neue stellt. Ansprechpartnerin ist hier Liane Thau.
So zeigte sich 2008 ein starkes Interesse an einer bilingualen Sprachentwicklung, welches durch die Erzieherin Erika Liebenau nun täglich über den gesamten Tagesablauf im Umgang mit den Kindern umgesetzt wird. Erstrebenswert ist es für uns, die Plattdeutsch-Plakette der Ostfriesischen Landschaft (Aurich) zu erhalten.
So wie sich der Waldkindergarten präsentiert, können wir uns mit allen Kitas im Landkreis Aurich in die Reihe der Anwärter für das in Zukunft vergebene Gütesiegel ruhigen Gewissens einreihen.
Abschließend sehen wir unseren Waldkindergarten dann auch als eine notwendige Alternative und Ergänzung zu anderen Kindergartenformen in der Stadt Wiesmoor: „Waldkindergärten sind nicht nur „Farbtupfer“ in der Kindergartenlandschaft, sondern sie beleben die elementarpädagogische Diskussion insgesamt, indem sie Erfahrungen einbringen, die es bisher so nicht gegeben hat.“ (Rolle, J. 1997, S. 5).
Immer wieder neue Aufgaben stellen sich, die gemeinsam angegangen werden müssen: wie steht es beispielsweise mit der Öffnung für Kinder unter drei Jahren, mit den Aktionsangeboten für Schulkinder am Nachmittag, Kooperation einer plattdeutschen Laienspielgruppe mit regelmäßigen Kontakten zu der älteren Generation innerhalb und außerhalb unserer Öffnungszeiten.

Die Konzeption
